Von Anfang an war und ist das Malen für mich wie das Öffnen einer schweren Eisentür zu meinem Unterbewusstsein. Die Farben erscheinen mir wie die Stufen einer Kellertreppe, sie führen hinunter zu meinen verborgenen Gefühlen, somit aber auch zu Schmerz und Leid. Auf diese Weise habe ich immer wieder Kontakt zu meinem „inneren Kind“ bekommen, das mir durch jedes entstandene Bild „Hallo“ sagte, „ich“ bin auch noch da. „Ich“ möchte, dass du „mich“ mit all „meinem“ Schmerz annimmst und „mich“ in den Arm nimmst.
Durch das Malen habe ich gelernt, wieder unmittelbar zu fühlen, sei es die Trauer oder die Freude. Beim Malen hatte ich sehr oft auch körperliche Schmerzen oder wurde von Weinkrämpfen geschüttelt. Je näher dann das Bild der Vollendung zustrebte, desto heftiger wurden die Gefühle. Wenn sie dann in die Empfindungen der Erlösung umschlugen, dann erst wusste ich, das Bild ist fertig. Darauf folgte oft eine innere Befreiung und » Entspannung, teilweise eingeleitet durch heftiges Weinen, dem eine tiefe innere Gelöstheit folgte.
Viele an meine Bewusstseinschwelle anschlagende Fragen führten mich weit in meine Kindheit zurück, formten sich in meinen Bildern zu Antworten, … und ich lernte zu verzeihen. Durch das Malen habe ich allmählich zu meiner Mitte gefunden, die Bilder erscheinen wie die Spiegelbilder meiner Seele, meiner Anima, alles, was mich bewegt, kann ich durch die Malerei erzählen. Die vielen inneren Erlebnisse und Prozesse, die durch das Malen in Gang gebracht wurden, führten mich letztendlich zu einer vorher nie gekannten inneren Ausgeglichenheit und zu einer vorher nie erlebten Zufriedenheit.
In der Musik erlebe ich ähnliche Gipfelgefühle, nur ist deren Zustandekommen ein anderes. Während des Musizierens und Improvisierens auf den verschiedensten Instrumenten fließen meine Gefühle wie von selbst. Mühelos werden alte Gefühle geweckt und verbinden sich mit Gefühlen, die sich aus der Situation heraus ergeben, zu einem harmonischen Miteinander, umschlingen und durchdringen sich, mal kraftvoll, dann wieder zart, und erzeugen in mir die Empfindung, tief in eine umfassende Gegenwart einzutauchen. Nach einem gelungenen musikalischen Ereignis, allein oder mit Freunden, solo oder zusammen mit anderen Musikern, schon fast erschöpft, erlebe ich eine totale Entspannung begleitet von einen tiefen Trost und einer innigen Verbundenheit mit dem Leben und mit den Menschen um mich herum.
Zwischen der » Malerei und dem Musizieren liegt für mich das Singen. Die Texte, ich singe gern die Lieder und Chansons von Zarah Leander, Marlene Dietrich und Hildegard Knef, berühren mich, ich empfinde eine besondere Seelenverwandtschaft, und ich tauche in eine mir zutiefst bekannte Bilderwelt ein. Die ebenfalls ausdrucksstarken Melodien ziehen nicht nur mich, sondern auch die Zuhörer in ihren Bann. Ohne die Malerei und das Musizieren, hätte ich nicht den Mut zum Singen gefunden, und ohne den Gesang hätte ich nicht den Mut gefunden, meine Bilder auszustellen.
Ohne das Eintauchen in diese Künste, wäre es für mich wahrscheinlich nicht möglich gewesen, seelisch und auch körperlich zu gesunden. Für mich mündeten diese Wege in einem zuvor so nicht erlebten Wohlgefühl und dem Gefühl, mit mir und der Welt in Einklang zu sein und so meine » Balance zu finden.
Rose Brünger